Erneut wollen Nazis in Hannover aufmarschieren. Nachdem der zentrale Aufmarsch am 1. Mai verboten wurde, kündigen sie für den 12. September erneut ihr Erscheinen an. Anmelder des Aufmarsches ist der Vorsitzende der NPD Niedersachsen, Adolf Dammann. Dieser fungiert in seiner Position als Bindeglied zwischen NPD und „freien“ Kameradschaften – mit beiden ist an jenem Tag zu rechnen.
Mit dem Motto „Sturmfest und erdverwachsen“, einer Zeile aus dem „Lied der Niedersachsen“ haben sich die Nazis ein Thema gewählt, welches sich auf eine ominöse „Tradition“ bezieht, spezifisch niedersächsisch und somit deutsch sein soll. Dies meint hier nicht nur, dass sich die Personen in der Tradition mit verstorbenen Königen oder Herzogen und ihren „Heldentaten“ sehen, sondern auch, dass dem einzelnen Menschen angeblich von Geburt an etwas mitgegeben wird. Was dort an spezifisch „deutschen Eigentümlichkeiten“ mitgegeben wird, kann nie so recht klar benannt werden. Um so mehr kann je nach Anlass verändert werden, was jetzt gerade typische deutsch sein soll, um die Grenzen zwischen „uns“ und „denen“ zu ziehen. Mit dieser Berufung auf jahrhundertealte „deutsche Tradition“ oder „deutsche Kultur“ wird ein Band zwischen die meisten hier lebenden Menschen gespannt. In diesem Punkt nehmen sich Nazis und aufrechte Bürger_innen nichts. Auch im bürgerlichen Lager wird jenes Kollektiv mittels Traditionsreiterei hoch gehalten.
Daher scheint es auch nicht verwunderlich, dass das benannte Niedersachsenlied sowohl auf bürgerlichen Schützenfesten als auch auf Naziveranstaltungen immer wieder als Aufhänger für Gemeinschaftsgefühl dienen kann.
Wie schon in den Vorjahren, ist in den Tagen um den 17. August mit vermehrten Neonaziaktivitäten zu rechnen. Grund ist der Todestag von Rudolf Hess. Rudolf Hess war Stellvertreter Adolf Hitlers und wurde im Nürnberger Kriegsverbrechertribunal wegen „Vorbereitung eines Angriffkrieges“, sowie „Verschwörung gegen den Weltfrieden“ zu lebenslanger Haft verurteilt. Hess war am Aufbau des “Führerstaates” beteiligt und setzte in Polen rassistische Sonderrechte durch. Er war auch aktiv an der Verfolgung von jüdischen Menschen beteiligt. In seinem Schlusswort bei dem Nürnberger Kriegsverbrechertribunal sagte er: “Ich bereue nichts!”. Da Rudolf Hess nie aus der Haft entlassen oder begnadigt wurde, wurde er in der Neonaziszene zum Märtyrer erklärt.